Ein Armenier beim Gebet: Kritik an den Urteil im Hrant Dink-Prozess von Ihsan Dagi
Das Urteil im Hrant Dink-Prozess löste in der ganzen Türkei Kritik aus. Dazu die Kolumne von Ihsan Dagi in der Zaman von mir ins Deutsche übersetzt.
Ein Armenier beim Gebet (Namaz)
Heute erzähl ich euch die Geschichte eines Armeniers. Vor einigen Jahren lebten wir im Stadtteil Çayyolu von Ankara.
Unsere Nachbarn waren in der Regel pensionierte Beamte und „säkulare Tanten“. An einem Januar-Tag traf ich eine von ihnen auf der Straße und sie teilte mit mir die frohe Botschaft: „Herzlichen Glückwunsch, die Wohlfahrtspartei (Refah Partisi) wurde verboten“. Später wurde ihr Ehemann, ein pensionierter Ex-Offizier vom Staatspräsidenten Sezer zum Mitglied des Verfassungsgerichts berufen.
In solch einer Nachbarschaft lebten zwei Familien aus Anatolien. Einer von ihnen war mein Nachbar „Onkel Mehmet“. Ein beständiger Kleinhändler. Einer aus Kayseri, ein echter.. Schon damals über siebzig, ging er gemeinsam mit seinem Sohn, der seinen Kleinhandel übernommen hatte, nach dem Morgengebet direkt ins Geschäft und kam erst in den späten Abendstunden wieder zurück. Eines Morgens schickte ich meinen damals zehnjährigen Sohn mit ihnen. Am Abend war er sehr müde und erschöpft, aber auch er war sehr glücklich über das hoch ausgefallene Tageshonorar von Onkel Mehmet. Als ich Onkel Mehmet fragte: „Warum hast du ihm so viel Geld gegeben“, antwortete er: „Lass ihn auf den Geschmack des Verdienens kommen“.
Der andere war „Onkel Pascal“. Ein Armenier aus Ankara, der um die achtzig herum war und dessen Kinder und Enkelkinder alle türkische Namen hatten. Er redete nicht viel und verbrachte bei gutem Wetter die meiste Zeit in seinem kleinen Garten. Seine Sehkraft ließ mit der Zeit nach und er beschwerte sich über Bluthochdruck in den Augen. Dennoch konnte er es nicht lassen, ständig Blumen zu pflanzen und sie zu gießen. „Onkel Pascal schonen Sie ihre Augen, hören sie auf sich zu bücken. Genießen sie einfach die Sonne“, sagte ich. „Ich kann nicht ohne den Boden, die Erde zu berühren“, antwortete er. Seine Frau Tijen bereitete zum Monat Muharrem Aschura und zum Monat Ramadan Süßgebäcke vor, um sie mit ihren muslimischen Nachbaren zu teilen. Sie führte diese Tradition in unserer säkular gefärbten Nachbarschaft auch während des „28. Februars“ fort, jener Epoche in der Türkei, in der Hexenjagd auf die Konservativen gab. Sie lebten weiterhin wie gewohnt mit ihren muslimischen Nachbarn. Obwohl wir nicht wussten, wann ein Armenier ein Feiertag begeht und was ihm heilig ist.
Onkel Mehmet und Onkel Pascal waren gut befreundet und sprachen über ihre Familien, Kinder und Enkelkinder. Zu bestimmten Jahreszeiten beschenkten sie sich immer wieder mit Blumen. Trotz dieser schönen Freundschaft konnte es Onkel Mehmet nicht sein lassen, das Gespräch auf die Nationalität seines Nachbarn zu bringen. Und das, was Armenier in Kayseri mit den Türken gemacht haben usw..
Eines Tages haben wir Onkel Mehmet verloren. Es war ein kalter Wintertag. In Yenimahalle, wo er über fünfzig Jahre den Kleinhandel betrieben hatte, fand seine Bestattung statt. Der Vorhof der Moschee war menschenvoll. Viele Menschen aus der Nachbarschaft waren auch gekommen. Obwohl seine gesundheitliche Verfassung schlecht gewesen ist, war auch Onkel Pascal gekommen. Innerhalb der säkularen Nachbarschaft herrschte eine interessante Stimmung, als wären sie auf eine Cocktailparty und unterhielten sich dementsprechend. Als wir nach dem Mittagsgebet uns zum Totengebet hin bewegten, änderte sich an deren Verhaltung nichts. Als das Totengebet begann, trennte sich jemand von dieser Gruppe langsam mit dem Gesicht zum Boden, mit tränengefüllten Augen hinter seiner Brille.. Für das Totengebet seines Nachbars reihte er sich direkt neben mich zu der betenden Gemeinde. Der Imam fragte die versammelte Gemeinde wie üblich vor einem Todesgebet: „Wie kanntet ihr den Verstorbenen?“ Mit zitternd lauter Stimme rief einer: „Wir kannten ihn gut!“ Das war niemand anderes als Onkel Pascal.
Er war kein Muslim, doch er wusste und hatte gespürt, dass beim Abschied eines Muslims in die Ewigkeit das gemeinsame Aufreihen für das Gebet und Bittgebete für den Verstorbenen der richtige Weg waren, um ihn zu verabschieden und die Trauer um ihn zu teilen. Ein Armenier um die achtzig nahm am Totengebet teil, um die Schmerzen zu lindern, während die „säkularen“ es nur von außen beobachteten. Er wusste, wie es sich mit einem Muslim lebt, aber wir hatten es vergessen, aus unseren Köpfen verdrängt mit einem Armenier zu leben. Ohne zu wissen, dass dies keine Tugend sondern ein Fluch gewesen ist. Dann haben wir es nicht verstanden, wie man mit einer kopftuchtragenden Frau, einem Gläubigen, einem Aleviten, einem Kurden gemeinsam lebt. Deren Vielfalt haben wir unerträglich empfunden. Ist das kein Fluch?
Schließlich hat dieses Land die Erfahrung vergessen mit seiner kulturellen Ambiguität zu leben. Der auf die Frage nach seiner Herkunftsstätte mit „ Ben Malatyaliyim / Ich komme aus Malatya“ antwortende Hrant Dink, Sohn dieses Landes, ist nicht mehr unter uns. Ein Mörder von uns hat ihn erschossen und er war nicht allein; Fahrlässigkeit, Fehler oder mit Absicht, hinter ihm ein ganzer Staatsapparat.
Wegen seiner armenischen Herkunft wurde Hrant Dink ermordet, das eigentliche Ziel war aber die AKP Regierung. Offensichtlich hat die Regierung das nie verstanden. Statt sich um den Tod eines Armeniers öffentlich zu kümmern, haben sie den Mord an Dink mit dem Auge des Staates betrachtet. Die Regierung wollte sich nicht seinem Bürger verpflichten, obwohl jener Bürger als Opfer gewählt wurde, um die AKP-Regierung zu stoppen.

